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Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969
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Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969

Wow!

Der Deutsche Buchpreis 2015 geht also an Frank Witzels Roman mit dem sperrigen Titel.
Ganz offensichtlich schielte die Jury nicht nach Tagesaktualität und Massengeschmack….gut so!
Leseprobe:

„Die Kinder in der Ostzone sind ganz anders angesehen. Sie dürfen Messer tragen und Schleudern und Luftgewehre und ihre eigenen Eltern anzeigen oder bespitzeln. Oder auch die Lehrer. Wenn da zum Beispiel so ein alter Nazi ist wie Dr. Jung, der nur von Stalingrad erzählt, dann können die den melden und dürfen ihn selbst im Heizungskeller verhören und ohrfeigen.
Und wenn er danach überhaupt noch weiter im Schuldienst bleiben darf, dann dürfen die Schüler selbst die Hausaufgaben bestimmen und auch über was die Klassenarbeiten gehen. Aber man darf in der Ostzone keine langen Haare haben und auch keine Musik hören. Nur die Internationale und Marschmusik. Und dann ist das Essen auch schlecht, schlechter als bei uns im Krieg.
Und sie haben keine Eisenbahnen und Straßenbahnen, weil sie alles rausreißen und nach Russland schicken mussten. Jede verrostete Schraube mussten die nach Russland schicken. Dafür haben sie aber Maschinengewehre bekommen. Sie kennen auch keine Kaugummis oder überhaupt Süßigkeiten. Schokolade, das ist in der Ostzone altes Brot, auf das sie Kakao gestreut haben. Kakao haben sie ganz viel, weil sie den aus Kuba bekommen, aber trotzdem können sie keine Schokolade machen, weil ihnen die Maschinen dazu fehlen.
Wenn eine Maschine kaputt geht, dann gibt es keine Ersatzteile und sie müssen das alles selbst machen, so wie der Mann vom ADAC den kaputten Keilriemen mit der Strumpfhose von der Frau von der Caritas ersetzt hat, als wir den Ausflug nach Rothenburg gemacht haben, und ich immer nur denken musste, dass die Frau von der Caritas jetzt gar nichts mehr unter ihrem Rock anhat, was ich eklig fand, weshalb ich auch lieber ein Eis auf die Hand haben wollte, obwohl das viel weniger war als die Portion am Tisch, aber ich wollte mich einfach nicht zu ihnen setzen, sondern bin nach vorn auf die Terrasse und hab so getan, als wollte ich mir nochmal die Burg genauer anschauen, dabei hat mich die Burg kein bißchen interessiert. Meinem Vater hat das nichts ausgemacht, dass die Frau von der Caritas jetzt nichts mehr unter ihrem Rock anhatte.

Ich, damals zwar noch kein Teenager, habe auch so meine Erinnerungen an diesen Sommer, meiner fand an der Ostsee statt.
An der Hand meines Vaters durch Dünen spazierend und „Ho Ho Ho Chi Minh“ skandierend.
Entgegenkommende fragten, ob ich denn wüsste, wer dieser Ho Chi Minh ist.
„So ein Kunne vom Mao“. Das fanden die anscheinend witzig, denn sie lachten. Wieso auch immer.

Am Strand war unter anderem der Blasebalg ein wunderbares Spielzeug. Eigentlich zum aufblasen der Luftmatratzen gedacht, konnte man die Düse auch mit Sand und nach einem kräftigen Tritt auf den Balg das Ohr seiner am Strand dösenden Tante füllen.
Damals ohrfeigte man Kinder noch.

Bewertung von „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion….“ und Link mit Klappentext:

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969
73 Bewertungen
Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969
  • Frank Witzel
  • Matthes & Seitz Berlin
  • Auflage Nr. 1 (23.02.2015)
  • Gebundene Ausgabe: 817 Seiten

Gudrun Ensslin eine Indianersquaw aus braunem Plastik und Andreas Baader ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung? Die Welt des kindlichen Erzählers dieses mitreißenden Romans, der den Kosmos der alten BRD wiederauferstehen lässt, ist nicht minder real als die politischen Ereignisse, die jene Jahre in Atem halten und auf die sich der 13-Jährige seinen ganz eigenen Reim macht. Frank Witzel ist es in dieser groß angelegten fantastischen literarischen Rekonstruktion des westlichen Teils Deutschlands gelungen, ein Spiegelkabinett der Geschichte im Kopf eines Heranwachsenden zu errichten. Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst und Betrachtungen der aktuellen Gegenwart entrücken ihn dabei immer weiter seiner Umwelt. Das dichte Erzählgewebe ist eine explosive Mischung aus Geschichten und Geschichte, Welterklärung, Reflexion und Fantasie: ein detailbesessenes Kaleidoskop aus Stimmungen einer Welt, die ebenso wie die DDR 1989 Geschichte wurde.

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